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Jan Mühlstein

 

Wie bist du zu ArrivalAid gekommen?

Eine meiner drei Töchter ist mit Cornelius Nohl befreundet und hat mir erzählt, dass Cornelius die Gründung einer Organisation plant, die in die Lücke stoßen will bei der Betreuung von Flüchtlingen – also bei der Vorbereitung und Begleitung zum Asylgespräch. Das hat mich interessiert. Ich habe mich beworben und wurde für die erste Ausbildungsgruppe genommen, das war 2015.

Wie zeitlich aufwendig ist dein Engagement? Wie viele Stunden pro Woche engagierst du dich?

Das ist sehr stark schwankend. Ich habe eine Zeit lang relativ viele Fälle übernommen, dann eine längere Pause gemacht und jetzt bin ich wieder eingestiegen. Es hängt davon ab, wie viele Fälle man hat. Ich würde sagen, im Schnitt 2 bis 3 Stunden die Woche, nicht mehr.

Ist das dein einziges Ehrenamt?

Ich bin seit meinem Studium immer ehrenamtlich tätig gewesen für viele Organisationen, z. B. Amnesty International, und ich bin in einer religiösen Gemeinde aktiv.

Warum hast du dich dafür entschieden, dich zu engagieren?

Für ArrivalAid habe ich mich entschieden, weil mich genau die Fokussierung auf eine Aufgabe interessiert hat. Und es meinen Möglichkeiten, mich zu engagieren, entsprochen hat. Ich hätte nicht die Zeit gehabt und vielleicht auch nicht die Eignung, Flüchtlinge in einem Helferkreis, auch langfristig, zu betreuen. Schon aber, mich speziell mich auf dieses Thema zu fokussieren.

Generell halte ich ehrenamtliches Engagement für selbstverständlich.Die Frage ist: Warum engagiert man sich eigentlich nicht? Das gehört zu dem, was man in eine Gesellschaft einbringen sollte.

Inwiefern bringt dir dein Engagement bei ArrivalAid etwas auf persönlicher Ebene?

Ich selbst bin mit 20 aus der Tschechoslowakei nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Prag nach Deutschland geflüchtet. Das ist sicherlich eine Erfahrung, die ich bei ArrivalAid einbringen kann. Das Wissen wie es ist, wenn man in einer Gesellschaft ankommt, in der man sich nicht auskennt. Aber das war nicht meine primäre Motivation.

Ich habe mich schon immer mit dem Thema Asyl beschäftigt – mehr oder weniger. Wir haben auch während der ersten Flüchtlingswelle eine Initiative in Gräfelfing gegründet – wo ich wohne. Wir wollten erreichen, dass die Gemeinde Räume für Flüchtlinge bereitstellt – damals erfolglos.

Würdest du anderen empfehlen, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Grundsätzlich würde ich jedem empfehlen, sich ein ehrenamtliches Engagement zu suchen. Gerade in der Lebensphase, in der ich mich jetzt befinde – in Rente. In den ersten Jahren der Rente ist es doch zusätzlich eine positive Sache, dass man eine Aufgabe hat. Aber ich denke, dass das auch in jüngeren Jahren den Horizont erweitert, wenn man aus den bekannten Kreisen, in denen man sich privat und beruflich bewegt, hinausgeht und andere Welten kennenlernt. Es ist sehr nützlich, auch um eigene Positionen zu überprüfen.

ArrivalAid kann ich sehr empfehlen, weil es eine Organisation ist, die sich sehr genau überlegt, wie man Ehrenamtliche vorbereitet und begleitet. Die Angebote wie Erfahrungsaustausch, Fortbildung und Supervisionen finde ich sehr gut. Ich kenne das aus anderen Organisationen nicht so intensiv.

Gibt es ein Erlebnis aus deiner ehrenamtlichen Arbeit, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Es bleiben schon einige Ereignisse im Gedächtnis, vermutlich auch besonders die negativen, also z. B. die langen Wartezeiten im BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge). Ich hatte eine Anhörung, bei der wir um 8 Uhr morgens geladen waren, zur Anhörung kam es dann irgendwann um 16 Uhr und erst fast um 21 Uhr waren wir dann fertig.

Ich glaube, fast jede Begegnung mit einem der Flüchtlinge, die ich betreut habe, ist eine positive Erfahrung. Man merkt, dass man doch etwas bewirken kann, nämlich dem Flüchtling zur Orientierung zu helfen und ihm vielleicht auch ein Stück mehr Chancen in dem ganzen Asylprozess zu verschaffen. Chancen in dem Sinne, dass sie oder er weiß, worauf es ankommt, nicht in dem Sinne, dass man zur Anerkennung verhilft. Das wäre, glaube ich, eine falsche Erwartung an unsere Arbeit. Wir können als Ehrenamtliche nicht erreichen, dass die Flüchtlinge anerkannt werden, da haben wir den wenigsten Einfluss. Aber wir können zu einem fairen Verfahren beitragen und das ist glaube ich nicht wenig.

Möchtest du sonst noch etwas sagen?

Nur andere ermutigen, sich bei ArrivalAid eine Aufgabe zu suchen. Über die Anhörungsbegleitung ist das Spektrum von ArrivalAid ja viel breiter geworden, da gibt es viele Möglichkeiten, die man wahrnehmen kann. Oder: sich anderswo engagieren!